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Zettel-Wirtschafter

Rennleiter Willy Walb ist ein Mann, der normalerweise drei Dinge schätzt: Ruhe, Ordnung und Fahrer, die wissen, was sie tun. Und heute, ausgerechnet ganz kurz vorm Heimrennen seiner Auto Union-Silberpeile auf der Berliner Avus im Mai 1935 bekommt er alles drei nicht.

Denn im Türrahmen steht – schon wieder – dieser schlanke Bursche mit dem selbstbewussten Dauerlächeln: Bernd Rosemeyer.

Hinter Walb türmen sich Akten, Zeichnungen und Zylinderkopfdichtungen. Der Rennchef hat soeben einen Stapel Testberichte sortiert, als Rosemeyer ohne Anklopfen hereinschwebt – so selbstverständlich, als wohne er hier: „Herr Walb, fahren wir auf der AVUS?“ – „Wir?“, fragt Walb trocken. Der Blondschopf schaut ih treuherzig an. „Naja. Ich. Also… ich würde schon gern.“

Walb atmet tief durch. Seit Tagen versucht er dem Jungen klarzumachen, dass die AVUS ein Monster ist. Zwei Geraden, länger als gute Sonntagsausflüge, Topspeeds über 300 km/h, Reifen, die schneller sterben als die Hoffnungen neuer Talente. Und mittendrin soll ein Debütant starten, der kaum ein halbes Jahr auf vier Rädern sitzt? Walb sagt also erneut: „Nein.“

Am nächsten Morgen schlägt Walb seinen Schreibtischkalender auf – den großen, schweren, ledergebundenen, den er seit Jahren pflegt wie eine Reliquie. Zwischen Terminen, Testfahrten und Einsatzplänen steht in fremder Handschrift: „Wird Rosemeyer auf der AVUS fahren?“

Walb stutzt. Blickt zur Tür. Niemand. Er schüttelt den Kopf. Reiner Zufall, denkt er.

Am folgenden Tag steht der Satz wieder da. Diesmal unterstrichen. Am dritten Tag ist der Satz doppelt unterstrichen. Am vierten hat jemand ein kleines Smiley-Gesicht dazu gemalt. Walb knallt das Buch zu. Er braucht nicht lange zu überlegen, wer dahinter steckt.

Jedes Mal, wenn Walb den Kalender öffnet, wird er einen Hauch nervöser. Rosemeyer wirkt stets unauffällig. Harmlos. Nett. Aber irgendetwas an ihm sagt: Der Mann weiß genau, was er tut. Egal wann der Rennleiter das Büro betritt – der Zettel ist schon da.

Walb probiert Gegenmaßnahmen. Er sperrt den Kalender in die Schublade. Am nächsten Morgen liegt der Zettel in der Schublade. Er nimmt den Kalender mit nach Hause. Am nächsten Morgen steht der Satz wieder drin. Er lässt den Kalender beim Pförtner.
 Am nächsten Morgen ist Rosemeyer beim Pförtner besonders zuvorkommend und höflich – und der Satz steht im Kalender.

Jeden Mittag taucht Rosemeyer im Büro auf. Immer höflich. Immer charmant. „Guten Tag, Herr Walb! Nur kurz: Haben Sie schon eine Entscheidung?“ – „Ja. Die gleiche wie gestern. Nein." – „Ah. Schade. Aber vielleicht morgen?“ Walb merkt, wie sein Nervenkostüm bröckelt. Der Mann ist nicht aggressiv. Nicht laut. Nicht fordernd. Er ist einfach da. Immer. Wie ein sehr freundlicher, sehr beharrlicher Wetterbericht, der jeden Tag sagt: „Heute AVUS, morgen AVUS, übermorgen wahrscheinlich AVUS.“

Es ist Freitag vor dem Rennen. Walb schlägt den Kalender auf. Da steht kein Satz. Nicht Mal ein Wort. Nichts. Nur eine große, sorgsam gezeichnete leere Fläche. Walb seufzt erleichtert. Vielleicht ist der Spuk vorbei.
Dann bemerkt er auf der gegenüberliegenden Seite – in riesigen Buchstaben, quer über die ganze Woche: „Wird Rosemeyer auf der AVUS fahren???“


Drei Fragezeichen. Und eine kleine, krakelige Rennlimousine daneben. Walb klappt den Kalender zu. Er strafft die Schultern. Er geht zur Tür. Reißt sie auf. Und draußen, auf dem Flur, steht Rosemeyer. Grinsend. Mit einem Bleistift in der Hand. Bereit für weitere künstlerische Interventionen. Walb schließt die Augen. Atmet ein. Atmet aus. „Meinetwegen. Du fährst.“

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