Die Rosemeyers
Zwei Werke, zwei Konzepte
Die Stromlinienwagen für die Avus zeigen, wie unterschiedlich Auto Union und Mercedes agieren.

Sie stehen nebeneinander im Morgendunst der Avus-Boxengasse. Und doch trennen sie Welten.
Zwei glatte, glänzende Geschosse aus Metall. Zwei Philosophien, eingeschlossen in Aluminium und Nieten.
Die Technik entscheidet dieses Rennen fast so sehr wie die Fahrer. Und selten zuvor prallen zwei Konzepte so hart aufeinander wie im Jahr 1937 – beim Duell der Stromlinienwagen von Auto Union und Mercedes-Benz.
Auto Union stellt den radikalsten Ansatz vor: Einen V16-Mittelmotor mit sechs Litern Hubraum. Ein Koloss, der schon bei niedrigen Drehzahlen ein Berg aus Drehmoment liefert. Über 500 PS, ein Orchester aus 16 Zylindern, das direkt hinter dem Fahrer pulsiert.
Mercedes dagegen baut auf pure Gewalt: den Reihenachtzylinder des W125 mit über 600 PS –
und vor allem den V12 des W25K-Stromliners, der bis zu 730 PS stemmt.
Mehr Zylinder? Nicht nötig. Mehr Leistung? Immer.
Es ist der Kampf zwischen einem muskulösen Sprinter und einem durchtrainierten Marathonläufer.
Wenn man die Autos von vorne betrachtet, zeigt sich der Unterschied in einem Moment.
Die Stromlinienkarosserie des Typ C ist ein Lehrstück der Aerodynamik:
– cw-Wert 0,237 – selbst heute beeindruckend
– verkleidete Räder
– winzige Stirnfläche
– ein Heckkegel wie ein Tropfen aus dem Windkanal
– ein Fahrer, der fast liegend kauert
Auto Union baut nicht einfach einen Rennwagen.
Man baut ein Strömungsobjekt. Einen metallischen Fisch.
Jede Linie dient einem Ziel: Widerstand zerschneiden.
Mercedes entscheidet sich für eine andere Philosophie:
– vorhandenes Grand Prix-Chassis
– darüber eine geschlossene Verkleidung
– runde, robuste Form
– größere Kühlluftöffnungen
– etwas höherer Luftwiderstand – aber mehr Motorleistung
Die Schwaben bauen keinen Tropfen.
Sie bauen einen Hammer mit seidiger Oberfläche.
Der Mittelmotortyp von Auto Union bringt:
– extreme Hecklast
– enormes Trägheitsmoment
– empfindliche Schwingachse hinten
– giftige Reaktionen bei Lastwechsel
In der Steilkurve erfordert der Wagen absolute Präzision. Ein kleiner Atemzug zu viel – und das Heck tänzelt.
Nur Fahrer wie Rosemeyer können ihn zähmen.
Der Frontmotor im Daimler sorgt für:
– neutrale Balance
– stabilen Geradeauslauf
– vorhersehbares Einlenken
– bessere Bremskraftverteilung
In der Südkehre ist Mercedes überlegen.
In der Steilkurve ebenfalls gutmütiger.
Der Wagen fährt, wie ein Wagen fahren soll – kontrolliert.
Der perfekte cw-Wert des Auto Union fordert Opfer:
– wenig Kühlluft
– eng gepackter Motorraum
– hitzeempfindlicher V16
– Ölkreisläufe, die tief im Heck liegen
Rosemeyers Motorprobleme im Rennen zeigen die Grenzen des Konzepts.
Die große Überraschung im Finale:
– geschlossene Karosserie staut Getriebewärme
– Ölleitungen liegen im heißen Hohlraum
– Lötstellen schmelzen
– Schmierung reißt ab
– Ausfall von Caracciola und von Brauchitsch
– Nur Langs Schraubverbindung übersteht die Tortur.
Auto Union gewinnt…
– aerodynamisch
– bei der Rundenzeit
– bei der Rennrunde
– beim Innovationsmut
Mercedes gewinnt…
– bei der Motorleistung
– bei der Fahrstabilität
– beim Handling im Finale
und letztlich beim Rennen selbst
Der Triumph von Hermann Lang ist der Beweis, dass Tempo nichts wert ist, wenn die Mechanik aufgibt.
Auto Union und Mercedes bauen 1937 keine Autos. Sie bauen Manifeste.
Auto Union zeigt, wie radikal Aerodynamik sein kann. Mercedes zeigt, wie weit sich Leistung treiben lässt.
Beide Konzepte sind gefährlich. Beide sind faszinierend. Beide überziehen ihre Zeit wie Blitze am Himmel.