Die Rosemeyers

Client Name One
Out of Africa
2023
Der Morgen über East London riecht nach Meer und warmer Erde, nach Tropensonne und einem Anflug von Abenteuer. Über der Biegung der Ostküste liegt ein leichter Dunst, der sich bald heben wird. Dann wird das südafrikanische Neujahrsrennen beginnen – der dritte South African Grand Prix. Noch ahnt niemand, dass dieser Tag weit mehr sein wird als ein Motorsportereignis. Er wird zum Schauplatz, an dem sich moderne Technik, menschliche Kühnheit und ein Stück politischer Weltlage zu einem eindringlichen Bild verdichten.
Doch bevor überhaupt Motoren laufen, zeichnet sich am Himmel ein leises, vibrierendes Summen ab: Eine Messerschmitt-Taifun kommt im Tiefflug herein, das elegante Reiseflugzeug, das ein junges Pilotenpaar in einer Weise definiert wie zuvor kein Promi-Paar der Zwischenkriegszeit: Elly Beinhorn und Bernd Rosemeyer – das „schnellste Ehepaar der Welt“.
Elly fliegt die Maschine selbst. Mit der Gelassenheit einer Frau, die Afrika vor Jahren bereits allein durchquert hat und später die Welt umrundet. Die Bf 108 „Taifun“, deren Spitzname von ihr stammt, wirkt wie eine schimmernde Pfeilspitze am Himmel über dem Küstenort. Sie setzt zur Landung an, rollt über die Sonne flirrende Piste, bis die Tür aufschwingt und Elly Beinhorn als Erste aussteigt. Ihr Mann folgt – hellwach, schlank, konzentriert, mit dieser unnachahmlichen Mischung aus Unschuld und Todesverachtung im Blick, die ihn schon in Europa zum Mythos macht.
Die lokalen Journalisten wissen nicht, wen sie zuerst fotografieren sollen: den deutschen Rennfahrer, der gerade Europa aufmischt, oder die Frau, die als Pilotin Grenzen verschiebt, an denen die meisten Männer scheitern. Gemeinsam wirken sie wie Protagonisten eines neuen, rasenden Zeitalters.
Die Auto Union-Mannschaft ist längst im Land. Baron von Oertzen, der gewandte Repräsentant der Marke, hat durch kluge Diplomatie den Trip angestoßen. Zwei Auto Union Typ C, technische Monster dieser Zeit, stehen bereit. Neun Tonnen Material, Reifenspezialisten, ein Wissenschaftler für Sprit- und Höhenanpassung – ein Aufwand wie für ein kleines Militärexpedition. Und nun steigt der Mann aus, der sie alle zusammenhält: Bernd, 27 Jahre alt, Jüngling und Überflieger zugleich.
Am Prince-George-Circuit schiebt sich die feuchte Luft vom Indischen Ozean landeinwärts. Die Strecke ist kein Grand-Prix-Kurs im europäischen Sinne, sondern eine wilde, buckelige Landstraße: 18,6 Kilometer pro Runde, mit Wellen, die die Rennwagen zum Tänzeln bringen, mit langen Geraden, auf denen Geschwindigkeit zur Frage des Mutes wird, und Passagen, die für die 520-PS-Heckmotor-Ungeheuer fast zu eng sind.
Schon beim ersten Training wird klar, dass Rosemeyer hier nicht fährt, er kämpft. Kaum sitzt er im Auto, presst ihn die Gewalt des V16 in die Sitzschale. Nach einer vorsichtigen Erkundungsrunde lehnt er den Kopf minimal vor, ein Zeichen, dass er ab jetzt Ernst macht – und dann brüllt der Motor alles weg, was der Ort an Ruhe noch zu bieten hat. Die Auto Union schießt über die welligen Geraden, schlängelt sich wie ein lebendiges Tier, dessen Hinterleib vor Kraft zuckt. Zuschauer berichten später, dass sich das Auto „wie ein Drache aus Metall“ über die Straße windet.
Eine Runde in 6:02 Minuten, dann 6:00 glatt – trotz Streckenverkehr. Schnitt: etwa 110 mph. Die lokalen Fahrer schauen fassungslos drein; diese Zeiten wirken, als stünde ein Wesen aus einer anderen Welt vor ihnen.
Während das Team hantiert, steht Elly Beinhorn meist unauffällig am Rand. Sie ist nicht die Frau, die dramaturgisch inszeniert im Mittelpunkt stehen würde. Ihre Präsenz entfaltet sich leise – und gerade dadurch umso stärker.
Sie versteht Geschwindigkeit. Sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn Maschinen an der Grenze tanzen. Sie erkennt im Blick ihres Mannes, ob er bereit ist, sich ganz in die Gefahr zu werfen oder ob Vorsicht angebracht wäre. Manchmal spricht sie ihn vor dem Training kurz an, manchmal schweigt sie, weil sie genau weiß, dass Worte in solchen Momenten nichts bedeuten. Ihre bloße Anwesenheit erdet ihn. Und gleichzeitig erhöht sie die Spannung im Fahrerlager: Eine Frau, die selbst Rekorde geflogen ist, begleitet einen Mann, der im Auto an Rekorden kratzt – dieses Bild elektrisiert.
Der 1. Januar 1937 beginnt mit Nebel. Der Ozean wirkt grau, der Kurs liegt feucht. Doch als sich der Dunst hebt, stehen bereits 60.000 Menschen dicht gedrängt entlang der Küstenstraße. Einige sitzen auf Hausdächern, andere in Bäumen. Das Meer klingt wie ein gedämpftes Orchester, das den Takt für den Tag vorgibt.
Es ist ein Handicaprennen: Die langsamsten Starter beginnen 52 Minuten und 53 Sekunden vor Rosemeyer. Ein Format, das lokale Helden stärken und Werksteams einbremsen soll. An der Box, hinter den silbernen Monstern, steht Elly – nicht im Mittelpunkt, aber nah genug, dass Bernd sie sieht, wenn er zum Start rollt.
Dann hebt der Starter die Fahne. Auto um Auto verschwindet auf die Strecke. Erst Rileys, MGs, Fords – dann später die stärkeren Wagen. Ganz am Schluss, unter den Blicken tausender Zuschauer, schießt der Auto Union Typ C los. Bernd beginnt eine Aufholjagd, die von vornherein kaum gewinnbar ist – aber er setzt sie mit einer Entschlossenheit um, als ginge es um einen WM-Titel.
Schon in den ersten Minuten frisst sich der V16 durch das Feld. Eine Bugatti wird verschluckt wie ein Kieselstein, ein lokaler Riley wirkt im Rückspiegel des Silberpfeils wie ein Requisit. Auf der langen Geraden, drei Meilen schnurgerade Richtung Küste, sieht man, wie der Wagen tanzt: Er springt über die Wellen der Asphaltdecke, schlingert leicht, fängt sich, beschleunigt weiter, stößt Flammen aus seinen 16 Auspuffrohren.
Doch die Uhr ist gnadenlos. Selbst die höchste fahrerische Brillanz kann einen Startnachteil von mehr als 50 Minuten kaum kompensieren. Während Rosemeyer Runde um Runde schneller wird, während das Publikum in Staunen verharrt, fahren vorn die „limit men“ fehlerlos.
Und dann trifft das Schicksal seinen Teamkollegen: Ernst von Delius reißt es kurz vor Schluss aus dem Rennen – Reifenschaden nach 17 Runden. Der Silberpfeil rollt aus. Für Bernd ist das ein Stich, denn die beiden stehen sich nahe. Aber er fährt weiter. Als er schließlich ins Ziel kommt, hat er fast Unmögliches geleistet – und landet doch auf Platz 5.
Der Sieger heißt Pat Fairfield im ERA. Ein Privatfahrer, ein Engländer. Ausgerechnet hier, im britischen Dominion Südafrika, triumphiert ein britischer Wagen über die modernste deutsche Werksmacht.
Als Rosemeyer aus dem Auto steigt, ist er durchgeschwitzt, erschöpft, aber hellwach. Beinhorn kommt zu ihm. Sie legt ihm eine Hand auf die Schulter, sagt etwas, das im Lärm untergeht, aber er lächelt. Ein kurzes, echtes Lächeln. Dieses Paar braucht keine großen Gesten.
Für die Zuschauer bleibt dieser Tag unvergesslich – nicht wegen des Siegers, sondern wegen der Demonstration, die die Auto Union auf der Straße gezeigt hat. Und wegen der Tatsache, dass am Rand eine Frau steht, die mit einem eigenen Flugzeug über Kontinente fliegt, um ihren Mann zu begleiten. Die beiden wirken wie Vorboten eines neuen Zeitalters, in dem Technik und Wagemut sich verbinden – bevor Europa in die Katastrophe abgleitet, die schon über ihm schwebt.
Zwei Wochen später, in Kapstadt, kehren die Silberpfeile zurück – diesmal ohne Handicap. von Delius gewinnt, Rosemeyer wird Zweiter. Die „African Revenge“ ist perfekt. Doch es ist East London, das bleibt: das Rennen am Meer, der tanzende V16, das Paar in der Taifun.
Wer East London heute besucht, sieht nur noch Reste der alten Strecke. Der Ozean rauscht wie damals, aber die Zeit hat die Geräusche der Silberpfeile verschluckt. Trotzdem hängt etwas in der Luft: die Erinnerung an einen Tag, an dem ein deutsches Paar aus Technik, Mut und Menschenwärme das ferne Südafrika in Erstaunen versetzt.
Elly Beinhorn hebt damals mit einem Flugzeug Grenzen auf. Bernd Rosemeyer tut dasselbe mit einem Rennwagen. Gemeinsam schreiben sie eine Episode, die nicht nur Motorsportgeschichte ist, sondern ein Stück Weltgeschichte im Kleinen – festgehalten in Sonne, Wind und Motorenlärm entlang der südafrikanischen Küste.