Die Rosemeyers

Das letzte Geleit.
Der endgültige Abschied
Die Straßen sind still, doch am Waldfriedhof Dahlem herrscht ein ungewöhnlicher Andrang. Männer in Uniformen, Rennfahrer im dunklen Mantel, neugierige Anwohner, Presse. Alle drängen sich am Hüttenweg zusammen, um Abschied zu nehmen von einem, der bis vor wenigen Tagen als unbesiegbar galt: Bernd Rosemeyer, Rennfahrer, Rekordjäger, Held einer Ära – und Aushängeschild eines Regimes, das diesen Tod sofort für seine Zwecke nutzt.
Rosemeyer ist gerade einmal 28 Jahre alt, als er bei einem Rekordversuch auf der Autobahn Frankfurt–Darmstadt tödlich verunglückt. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer; der Schock sitzt tief. Rosemeyer ist zu dieser Zeit mehr als ein Motorsportstar. Er ist der Liebling der Massen, das Gesicht einer technischen Zukunftsbegeisterung, ein junger Mann mit Charisma und Tempo – und zugleich SS-Hauptsturmführer, politisch eingebunden in eine Maschinerie, die jeden Triumph wie auch jeden Todesfall propagandistisch ausschlachtet.
Nun also die Beerdigung – und sie wirkt weniger wie eine private Trauerfeier als vielmehr wie ein staatlich orchestriertes Ereignis. Uniformen, Fahnen, militärische Ehren: Das Bild, das sich den Besuchern bietet, hat etwas Inszeniertes, etwas, das den Toten größer machen soll, als er vielleicht war – oder größer, als seine Familie es sich wünscht.
Zwischen Funktionären und SS-Abordnungen stehen jene, die Rosemeyers Welt weit besser kannten: seine Kollegen von der Rennstrecke. Rudolf Caracciola, der große Rivale von Mercedes-Benz, und Hermann Lang sind unter ihnen. Man erkennt ihre Gesichter auf Fotos, die den Tag festhalten. Die beiden wirken gefasst, aber angespannt. Man weiß: Der Motorsport ist hart. Doch wenn ein Fahrer stirbt, trifft es immer auch die, die das gleiche Risiko teilen.
Mitten in diesem Gemenge aus politischer Symbolik und öffentlicher Anteilnahme steht Elly Beinhorn, die berühmte Fliegerin, Rosemeyers Frau. Sie ist diejenige, die an diesem Tag eigentlich im Zentrum stehen müsste – nicht die Parteifunktionäre, nicht die uniformierten Ehrenformationen. Sie wirkt gefasst, fast zu gefasst für den Verlust eines geliebten Menschen. Vielleicht ist es Fassung aus Selbstschutz, vielleicht aus Erfahrung: Als Pilotin weiß sie, dass Geschwindigkeit ihren Tribut fordert. Und doch ist es ein anderer Schmerz, wenn man den Menschen verliert, den man liebt.
Der Waldfriedhof Dahlem wirkt an diesem Tag wie ein geschützter Ort, ein Kontrast zur großen, aufgezogenen Geste der Trauerfeier. Zwischen hohen Bäumen, leicht verschleiert von winterlichem Nebel, wird Rosemeyer beigesetzt. Hier, an der Natursteinmauer, entsteht ein gemeinsames Grab, das später auch Elly Beinhorn aufnehmen wird. Ein stiller Ort, fast zärtlich im Vergleich zum Pathos des offiziellen Abschieds.
Als der letzte Kranz abgelegt ist und die Menge langsam auseinandergeht, bleibt der Eindruck eines Mannes, der von vielen aus sehr unterschiedlichen Gründen betrauert wird. Von Motorsportfans, die einen der begabtesten Fahrer seiner Zeit verlieren. Von Kollegen, die seinen Mut und seine Unbefangenheit schätzten. Von seiner Familie – schlicht und schmerzhaft.
Und gleichzeitig von einem Staat, der den Rekordfahrer als Symbol gebraucht hat – und nun auch seinen Tod instrumentalisiert.