Die Rosemeyers
Der Wanderer-Mann
Für seinen ersten Start in einem Auto muss Bernd Rosemeyer den Widerstand seines Chefs brechen. Seine Hartnäckigkeit wird belohnt – mit einem Sieg, der seinen zweiten Karriereweg eröffnet.

Die Sonne hängt tief über Baden-Baden, als sich am frühen Morgen des 21. Juli 1934 der Lärm von fast 650 Automotoren zwischen den Hotels und Bäderpalästen verfängt. Aus Leipzig rollen gleichzeitig mehr als 1000 Motorräder los. Insgesamt 1738 Teilnehmer haben sich gemeldet – ein gewaltiges, dröhnendes Rudel Maschinen, das in den kommenden zwei Tagen 2000 Kilometer quer durch Deutschland fressen wird. Die Nationalsozialisten nennen es „eine Volksschau der Motorisierung“.
In Wahrheit ist es ein Härtetest – für Mensch, Maschine, Straße und Nerven.
Zwischen all den glänzenden Marken – Mercedes, BMW, Fiat, Audi, Horch, Adler, Opel und Wanderer – steht ein junger Mann, der noch keiner kennt. Bernd Rosemeyer, 25, DKW-Werksfahrer, Motorrad-Ass. Und gleichzeitig ein Mann, der seit Monaten nach Höherem greift: nach dem Einstieg in den Automobil-Rennsport, nach den neuen Auto-Union-Silberpfeilen, die auf den europäischen Rennstrecken bald alles überrollen sollen.
Nur einer glaubt nicht an ihn: sein eigener Rennleiter.
Rosemeyer drängt. Er will weg von den Motorrädern, hinein in die große Bühne des internationalen Motorsports. Doch Willy Walb, Rennleiter der Auto Union, sperrt sich. Rosemeyer ist sein bester Mann im Moto-Team – wieso sollte er ihn hergeben? Walb wiegelt ab, blockt ab, bügelt ab.
Doch Rosemeyer bleibt unerbittlich. Immer wieder steht er im Büro, immer wieder dieselbe Bitte. Schließlich knurrt Walb: „Dann fahr diese Deutschlandfahrt. Aber nur diese eine.“
Es ist die Hintertür. Ein Notnagel. Aber Rosemeyer weiß: Das hier ist sein Moment. Wenn er der Auto Union beweist, dass er ein Auto ebenso fühlen kann wie ein Motorrad – dann nimmt ihn niemand mehr auf die leichte Schulter.
Sein Arbeitsgerät steht bereit: ein Wanderer W22, ein unscheinbares, aber raffiniertes Coupé mit einem Zweliter-Sechszylinder, speziell karossiert von Hornig. Der Wagen besitzt eine halb stromlinienförmige Heckpartie, die im Licht wirkt wie der Rücken eines Fisches. Nur 40 PS, ein unsynchronisiertes Viergang-Getriebe und die typische Pendelachse hinten – keine Raketentechnik, aber ein zuverlässiger, ehrlicher Mittelklassewagen.
Wer die 2000 Kilometer bestehen will, braucht ohnehin nicht nur Speed, sondern Konzentration, Einfühlungsvermögen, Mechanikverständnis. Und jemanden, der wach bleibt, wenn die Nacht kommt.
Rosemeyer setzt seinen Fuß auf die Trittstufe, saugt einmal die kühle Morgenluft ein, spürt das leichte Zittern des Motors. Er ist bereit.
Als der Start erfolgt, bricht ein Beben los. Die Autos werden im Minutentakt auf die Strecke geschickt, hinaus über Schwarzwaldpässe, bayerische Landstraßen, sächsisches Industriegebiet, hinauf Richtung Berlin, dann durch das Ruhrgebiet, Köln, Pfalz – und zurück nach Baden-Baden. Zwei Tage, zwei Nächte, ohne Pause, mit versteckten Kontrollen und vorgegebenen Durchschnittsgeschwindigkeiten.
Offiziell ist es eine Zuverlässigkeitsfahrt. Keine Hetzjagd. Keine Raserei.Doch die Wahrheit fährt im Gegenlicht: 140 Unfälle, über 200 Verletzte, zwei Tote. Auf schmalen Straßen, auf Kopfsteinpflaster, durch Gewitter und Sommerhitze, zwischen Lastwagen, Pferdefuhrwerken und neugierigen Zuschauern.
Rosemeyer fährt, als hätte er nie etwas anderes getan. Er spürt das Auto wie andere ihren eigenen Körper fühlen. Der Wanderer liegt ruhig, wenn er ihn ruhig will. Er tänzelt, wenn Rosemeyer tänzeln muss. Und er gehorcht sofort, wenn der Fahrer die Finger nur leicht anspannt.
Die Nacht frisst das Land. Die Scheinwerfer schneiden ein schmales Dreieck in die Dunkelheit. Der Beifahrer kämpft gegen den Schlaf. Wenn er einschläft, ist Rosemeyer allein – Route, Zeitkontrolle, Orientierung, alles liegt dann in einer Hand.
Im Morgengrauen liegt feuchter Nebel über Thüringen. Rosemeyer sieht nichts als graue Watte, spürt nur das Brummen des Motors. Er trifft jede Sollzeit, jede Kontrolle, jede Etappe – ohne Strafpunkte, ohne Fehler.
Der Mann, der gestern noch nur Motorrad fuhr, fährt nun wie ein Vollblutautomann. Und langsam, ganz langsam, geht ein Gerücht durchs Feld: Dieser Rosemeyer kann Auto fahren. Und wie.
Doch er kämpft gegen eine ganze Industrie. Vor ihm, hinter ihm, um ihn herum jagen die Werkswagen:
– Fiat mit dem kleinen 508 „Balilla“, der am Ende den Gesamtsieg einfährt – ein Affront für die nationalsozialistische Propaganda.
– Mercedes-Benz, mächtig, geschlossen, mit ihren 1,5-Liter-Sportlimousinen und einem Berg an Goldmedaillen.
– BMW mit 303, 315 und 315/1.
– Opel, Audi, Horch, Adler – ein rollender Querschnitt der deutschen Autowelt.
Niemand rechnet mit einem jungen DKW-Motorradfahrer im Wanderer aus zweiter Reihe. Doch Rosemeyer fährt ihre Zeiten. Ihre Nerven. Ihre Präzision.
Als er nach 2000 Kilometern wieder den Zielbogen von Baden-Baden sieht, ist es, als würde jemand ein Gummiband durchschneiden. Die Anspannung, die Stille im Kopf, das Vibrieren im Körper – alles löst sich in wenigen Sekunden auf.
Der Wanderer rollt durchs Ziel. Rosemeyer steigt aus. Er ruft niemanden. Er sagt wenig. Er lässt die Fahrt wirken.
Dann kommt das Ergebnis: goldene Medaille. Keine Strafpunkte. Perfekte Fahrt.
Er ist nicht Gesamtsieger – dafür ist der Fiat 508 zu stark. Aber das zählt heute nicht. Wichtig ist, was die richtigen Leute gesehen haben.
Und die richtigen Leute stehen im Ziel. Mit Notizblöcken. Und mit einem neuen Blick auf diesen jungen Fahrer.
Wenige Wochen später: ein Anruf. Der Sensationssieger wird einbestellt.
Ort: Nürburgring.
Zweck: Testfahrten im Auto Union.