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Mit Schlips und Kragen

Zuerst ist Bernd Rosemeyer falsch angezogen, dann macht er bei seinem ersten Test alles richtig.

Über dem Nürburgring hängt ein grauer Dunst, der die Tribünen  verschluckt und die Geräusche dämpft. In der Boxengasse knackt ein Auto Union Typ A beim Warmlaufen, sein 16-Zylinder hämmert wie eine  ferngesteuerte Maschine aus einer anderen Welt. Es ist ein Biest von  einem Rennwagen – unberechenbar, hecklastig, brutal. Viele erfahrene  Piloten haben an diesem Tag schon mit ihm gekämpft. Die meisten verlieren.


Und dann steht da dieser junge Mann im Anzug.


Ein schmaler Kerl, scharf geschnittene Gesichtszüge, wacher Blick. Er wirkt wie ein Bankangestellter, den man aus Versehen auf eine  Rennstrecke gestellt hat. Willy Walb, Teammanager von Auto Union,  mustert ihn misstrauisch.

„Wo ist Ihr Overall?“, fragt er.


Der junge Mann lächelt nur. „Das ist ein besonderer Tag für mich – meine Premiere in einem Rennwagen. Da sollte man sich doch passend kleiden, oder?“


Walb hebt eine Augenbraue. Dann deutet er wortlos auf die Box. „Dann holen Sie sich einen. Und fahren Sie.“


Der junge Mann heißt Bernd Rosemeyer. Motorradstar,  aber völlig ohne Erfahrung in einem Rennwagen. Und doch steht er jetzt  hier, mitten unter gestandenen Grand-Prix-Kandidaten, die sich für  diesen Testlauf angemeldet haben. Zwölf Fahrer sollen zeigen, wer den  neuen Mittelmotorsilberpfeil beherrscht. Die meisten scheitern schon  daran, das nervöse Heck unter Kontrolle zu halten. Manche drehen sich.  Einige steigen kreidebleich wieder aus.


Rosemeyer setzt sich in den Wagen, als wäre er dafür gemacht.


Er  rollt aus der Box. Der Motor brüllt auf, ein hysterisches Kreischen aus  vier Doppelkompressoren. Rosemeyer lässt die Kupplung kommen, spürt das  Rucken, das Drängen, das Fletschen der Maschine. Es ist zehnmal mehr  Leistung, als er je unter sich hatte. Zehnmal mehr Gefahr. Zehnmal mehr  Möglichkeit zu scheitern.


Aber er fährt los, als habe er nie etwas anderes gemacht.


Schon in der ersten Runde legt sich der Wagen unter ihm wie ein  Raubtier in die Spur. Rosemeyer spürt das Tänzeln des Hecks, das giftige  Zucken der Hinterachse. Er spielt mit dem Gas, als führe er ein  Motorrad durch den Regen. Und Runde für Runde wird er schneller.


Die Box signalisiert Zeiten. Gute Zeiten. Unerwartet gute Zeiten.


Walb stellt sich näher an die Boxenmauer. Seine Miene verändert sich. Es ist nicht mehr Skepsis. Es ist Staunen.


Plötzlich,  am Ausgang einer schnellen Passage, gibt Rosemeyer einen Tick zu viel  Gas. Der Auto Union peitscht aus. Ein Schlag ins Heck, der Wagen dreht  sich – einmal, zweimal. Gras spritzt auf. Der Silberpfeil schießt  rückwärts in eine Wiese und bleibt stehen.


Einige Mechaniker schlagen die Hände vors Gesicht. So enden Testtage  für gewöhnlich: mit kaputten Autos und gescheiterten Träumen.


Doch Rosemeyer steigt aus, schaut sich das Auto an, klopft sich das  Gras vom Overall. Keine Panik. Kein Zittern. Nur ein neugieriger Blick  auf die Reifenspuren, als wollte er verstehen, wie er’s beim nächsten  Mal besser macht.

Der Wagen ist heil. Rosemeyer steigt wieder ein.


Und dann passiert etwas, das niemand für möglich hält: Er fährt anschließend Zeiten, die an Hans Stuck heranreichen. Der Star der Auto Union. Der Mann, dessen Talent außer Frage steht.


Dieser schmale Motorradfahrer im geliehenen Overall fährt plötzlich  wie ein Naturereignis. Und der Nürburgring – dieser gefräßige  Asphaltdrache – scheint ihn zu akzeptieren.


Als er zurück in die Box kommt, nickt Walb nur. Keine großen Worte. Keine Dramatik.


Aber  an diesem Tag wird aus dem unbekannten Motorradfahrer der neue  Hoffnungsträger der Auto Union. Der Mann, dem die mächtigsten Rennwagen  der Welt keine Angst machen. Der Mann, der als Einziger an diesem Tag  wirklich mit dem Auto sprach – und verstanden wurde.


Doch die Geschichte endet nicht hier.


Der Nürburgring-Testtag  1934 wirkt heute wie ein Prolog – ein leicht verwackelter, nebliger  Schwarzweißfilm, aus dem plötzlich ein Mann heraustritt, der alles  verändert. Ein Fahrer, der nicht aus dem Rennwagen steigt, sondern mit  ihm verschmilzt.


Jeder, der damals dabei war, spürt:


Hier beginnt etwas Großes.


Etwas, das die Ära der Silberpfeile prägen wird.


Etwas, das in diesem Moment auf dem Nürburgring geboren wird – an einem  Tag, an dem ein junger Mann im Anzug zum ersten Mal in einen Auto Union  steigt und das Biest zähmt.

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