Die Rosemeyers
Mitfahrzentrale
Im Bremgartenrennen von 1937 nutzt Bernd Rosemeyer nonchalant ein Auto, das gar nicht für ihn gedacht ist.

Der 22. August 1937 ist ein Tag, der in der Motorsportszene mit besonderer Spannung erwartet wird. Mercedes hat ein Monster gebaut: den W125, 600 PS stark, ein Kompressor-Ungeheuer. Auto Union bringt den bewährten Typ C – und einen Gastfahrer, der Legendenstatus besitzt: Tazio Nuvolari, frisch enttäuscht vom neuen Alfa Romeo und bereit, im deutschen Team auszuhelfen.
Doch einer steht über allen: Bernd Rosemeyer, Europameister des Vorjahres, Publikumsliebling, Naturtalent. Und Bremgarten ist sein Kurs.
Das Rennen wird anders verlaufen, als es irgendwer erwartet. Und doch wird es Rosemeyer sein, der den stärksten Akzent setzt – nicht mit dem Ergebnis, sondern mit dem, was er im Chaos des Tages zeigt.
Die Strecke ist feucht, der Wald duftet nach Regen. Als das Feld sich in Bewegung setzt, schneidet Hans Stuck mit einem perfekten Start innen vorbei und übernimmt die Führung. Caracciola jagt hinterher, Rosemeyer liegt im dicht gepackten Spitzenfeld.
Bremgarten ist heute besonders unberechenbar: In der einen Kurve trocken, in der nächsten glitschig. Genau die Bedingungen also, die Rosemeyer liegen – aber auch jene, die Fehler bestrafen.
In Runde zwei geschieht es. Als Rosemeyer unter Druck bremst, blockiert ein Kolben im Bremssattel. Ein technisches Detail – ein winziger Defekt, kaum sichtbar. Doch auf Bremgarten bedeutet das: keine Kontrolle.
Der Auto Union rutscht in den nassen Grasstreifen am Rand, fällt in den weichen Waldboden und steckt fest. Zuschauer helfen ihm zurück auf den Asphalt – eine spontane Geste, menschlich verständlich, aber laut Reglement verboten.
Rosemeyer weiß sofort, was das bedeutet: Er wird disqualifiziert.
Doch er steigt nicht aus.
Er fährt an die Box, gibt sein beschädigtes Auto ab – und geht wenige Runden später in ein anderes Auto. In das von Tazio Nuvolari, der mit dem sensiblen Mittelmotor-Wagen nicht zurechtkommt.
Es ist eine Szene, die auf den ersten Blick wie Improvisation wirkt – in Wahrheit aber die Essenz der 1930er-Jahre verkörpert: Fahrerwechsel sind erlaubt, das Team entscheidet pragmatisch, und Rosemeyer übernimmt.
Der Typ C, nuanciert auf Nuvolaris Stil abgestimmt, ist nicht sein gewohntes Werkzeug. Doch Rosemeyer fährt ihn, als hätte er die Feinheiten seit Jahren im Blut. Er klettert durchs Feld, überholt in Passagen, die normalerweise nur zum Folgen geeignet sind, und setzt Rundenzeiten, die selbst die überlegenen Mercedes verblüffen.
Schnellste Runde des Rennens: Bernd Rosemeyer. In einem Auto, das nicht seines ist. Nach einer Disqualifikation. Auf einer der anspruchsvollsten Strecken Europas.
Es ist die Art von Leistung, die sich schwer statistisch abbilden lässt – aber jeder im Fahrerlager sieht sie.
Vorne kontrolliert Mercedes das Tempo. Caracciola, Lang und von Brauchitsch fahren ein perfekt ausbalanciertes Rennen und holen einen beeindruckenden Dreifachsieg. Der W125 ist an diesem Tag schlicht unantastbar.
Doch die Blicke vieler Experten gehen weiter nach hinten, auf Platz fünf: Dort steht Rosemeyers Name – im Auto, das in der ersten Rennhälfte Nuvolari gehört hatte.