Die Rosemeyers
Reifeprüfung im Regen
Im Bremgarten reift Bernd Rosemeyer 1935 vom Jungtalent zum echten Weltstar.

Am Vormittag des 25. August 1935 hängt feuchte Luft über Bern. Der Bremgartenwald glitzert im Regen, als habe die Natur selbst beschlossen, die Bühne für ein Drama freizugeben. Unter jahrzehntealten Bäumen sammeln sich Zuschauer, Regenschirme reihen sich entlang der provisorischen Zäune, der Wald schluckt jedes Geräusch – bis sich die ersten Motoren warmdrehen. Dann vibriert der Boden.
Der II. Große Preis der Schweiz ist eines der wichtigsten Rennen der Saison. Es geht über 70 Runden, mehr als 500 Kilometer, auf einem Kurs, der keine einzige echte Gerade besitzt. Nur Bögen, Kuppen, Schatten, Senken. „Bremgarten verzeiht nichts“, sagen die Fahrer hinter vorgehaltener Hand.
Für einen 26-jährigen früheren Motorradfahrer aus Lingen wird es ein entscheidender Tag: Bernd Rosemeyer.
Die Favoriten sind eindeutig: Mercedes-Benz, mit Rudolf Caracciola, Luigi Fagioli und Manfred von Brauchitsch. Ihre W25 gelten als das schnellste Paket im Feld. Auto Union, Rosemeyers Team, kämpft noch mit der Abstimmung seines heckgetriebenen V16 – ein Kraftpaket, aber launisch und schwierig auf enger Strecke.
Das Training hatte bereits die Gefährlichkeit des Kurses gezeigt. Der Mercedes-Fahrer Hanns Geier verunglückte bei über 200 km/h schwer; der Unfall überschattete das gesamte Wochenende.
Als das Feld sich am Start aufstellt, hat der Regen nachgelassen – doch der Asphalt ist noch nass, und in den Wurzeln des Waldes lauert neues Wasser. Die Luft riecht nach Öl, nassem Laub und einer Spur Risiko.
Der Start fällt, Caracciola presst den W25 durch die erste Passage, Stuck und Varzi im Auto Union dahinter. Rosemeyer startet aus den mittleren Reihen, hält aber sofort Anschluss. Die Zuschauer erkennen den jungen Mann nicht nur am silbernen Wagen – sondern an der Art, wie er ihn durch die Bögen zwingt: furchtlos, fließend, aggressiv.
Im Verlauf des Rennens zieht neuer Regen auf. Keine Schlieren, keine Tropfen – ein dichter Vorhang. Der Wald verschluckt das Licht, die Kurven glänzen schwarz und tückisch. Caracciola fühlt sich wohl im Nassen, wie immer. Fagioli folgt ihm, doch Rosemeyer hält als erster Verfolger der Mercedes stand.
In Runde 20 geschieht das Undenkbare: Chiron, einer der besten Alfa-Fahrer der Welt, verliert bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle. Er wird aus seinem Wagen geschleudert – überlebt schwer verletzt. Wenig später verunglückt László Hartmann. Regenrennen im Bremgarten waren keine Mutprobe – sie waren Überlebensfragen.
Rosemeyer lässt sich nicht beirren. Er ringt mit dem unruhigen Heck seines Auto Union, die nasse Strecke macht den ohnehin schwierigen Wagen noch unberechenbarer. Dennoch: Er bleibt dran. Nach Stucks Reifenschaden und Varzis Problemen liegt Rosemeyer auf Platz drei – und hält diese Position mit verblüffender Reife und Präzision.
Am Ende gewinnt Caracciola souverän vor Fagioli. Doch der Mann des Rennens – zumindest für jene, die auf Potenzial achten – ist der Dritte: Bernd Rosemeyer.
Ein Podium auf dieser Strecke, bei diesem Wetter, gegen diese Gegner – das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Statement.
Es ist der Moment, in dem Experten beginnen, ihn anders zu sehen. Kein Talent mehr, sondern ein kommender Rivale für Caracciola. Der Bremgartenwald, an diesem Tag ein undurchdringliches, dunkles Labyrinth, hat ihm seine Feuertaufe gegeben.
Der junge Mann nimmt sie an – und kommt ein Jahr später zurück, stärker, reifer, entschlossener.