Die Rosemeyers
Wachablösung im finstren Wald
Im Bremgarten legt Bernd Rosemeyer 1936 den Grundstein für den EM-Titelgewinn.

Der 23. August 1936 beginnt in Bremgarten mit dieser eigentümlichen Stille, die nur Hochleistungsmaschinen zerreißen können. Die Bäume am Rand wirken noch dunkler als sonst; die Strecke liegt wie eine glänzende, graue Schneise zwischen grünem Dickicht. Es riecht nach Harz, nach warmem Asphalt – und nach Erwartung.
Denn heute treffen sie wieder aufeinander: der Altmeister Rudolf Caracciola, der Inbegriff des kontrollierten Fahrens im Mercedes W25, und der junge Herausforderer Bernd Rosemeyer, im Auto Union Typ C – dem stärksten, aber auch anspruchsvollsten Grand Prix-Wagen seiner Zeit.
Es ist der dritte Lauf zur Europameisterschaft. Und es wird ein Rennen, das in die Geschichtsbücher eingeht.
Caracciola startet von Pole, Rosemeyer steht direkt neben ihm. Als die Flagge fällt, schießen beide in die Waldpassage – Caracciola vorne, Rosemeyer im Nacken. Das Publikum spürt sofort die Spannung: Zwei Männer, zwei Philosophien, zwei Fahrstile.
Caracciola fährt geschmeidig, wie über unsichtbare Schienen gelegt. Rosemeyer dagegen „tanzt“ mit seinem Auto – kleine Korrekturen, mutige Linien, exakte Reflexe. In Bremgarten, wo die Strecke kurvenreich wie ein Bächlein durch die Landschaft fließt, sind diese Qualitäten entscheidend.
Runde um Runde versucht er es, zeigt sich neben dem Mercedes, drängt, sucht eine Lücke. Caracciola blockt. Das Hin und Her wird so intensiv, dass er blaue Flaggen bekommt – ein seltenes Zeichen dafür, dass seine Verteidigung zu hart ausfällt.
Schließlich, nach acht Runden, ist es so weit: In einem fließenden, beinahe künstlerischen Manöver zieht Rosemeyer vorbei. Der Wald explodiert in Jubel.
Kaum ist Rosemeyer in Führung, beginnen die Mercedes zu wanken. Fagioli scheidet früh aus. Von Brauchitsch hat Probleme mit der Temperatur; ein verlorenes Zeitungsblatt im Kühlergrill soll laut Teamchronik der Auslöser gewesen sein. Und Caracciolas Hinterachse hält dem Tempo nicht stand – er rollt aus.
Auto Union dagegen wirkt wie erlöst. Der Typ C, so oft widerspenstig, funktioniert heute wie ein Uhrwerk: Varzi auf Platz zwei, Stuck auf drei. Der seltene Moment, in dem sich alle drei Silberpfeile aus Zwickau harmonisch in eine gemeinsame Linie einfügen.
Rosemeyer setzt sich ab. Im Herzen des Waldes, in den Schattentunneln zwischen Eymatt und Glasbrunnenrampe, fährt er Rundenzeiten, die als Meilenstein gelten: 2:34,5 Minuten, ein Schnitt von fast 170 km/h. In einem Wald. Auf nassem Asphalt. Ohne Auslaufzonen. Das ist keine Kühnheit – das ist Präzision am Limit.
Als Rosemeyer die Ziellinie überquert, ist es mehr als ein Rennsieg. Es ist ein Fanal.
Auto Union feiert einen Dreifachsieg:
1. Bernd Rosemeyer
2. Achille Varzi
3. Hans Stuck
Das gab es noch nie in einem Grande Épreuve.
Für Rosemeyer ist es der Wendepunkt seiner Saison – und seiner Laufbahn. Der Sieg in Bremgarten wird zu einem der tragenden Pfeiler seines später errungenen Europameistertitels.
In den Hotelbars von Bern wird an diesem Abend viel erzählt: von Rosemeyers Mut, von Caracciolas Verteidigungskünsten, von der Rivalität zwischen beiden, die sich später in einem Streit im Aufzug des Hotels Bellevue überschlagen soll. Vielleicht stimmt die Geschichte vollständig, vielleicht nicht – aber eins ist sicher: Der Große Preis der Schweiz 1936 war der Tag, an dem Rosemeyer endgültig zur Weltspitze aufstieg.
Bremgarten war nie eine Strecke für Strategen. Es war eine Strecke für jene, die fühlen statt rechnen – für Instinktfahrer. Für Rosemeyer.